Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 

Leseprobe zum Buch "Undercover Millionär - Verbotene Liebe"

Kapitel 1

Glück im Unglück

 

 

Die untergehende Sonne warf fantasievolle Schatten und Muster in warmen Farben an Wände und Boden. Die beiden standen bereits eine Weile vor einem Bild, das erst am Morgen aufgehängt worden war. Jayden Harper, ein elegant gekleideter  durchschnittlich aussehender Mittdreißiger mit blonden, halblangen Haaren, die er zu einem Zopf gebunden trug und grünen Augen, betrachtete das Gemälde eingehend von allen Seiten, während Jess ihn hoffnungsvoll anblickte. Jessica Blair wirkte in ihren Jeans und dem lässigen T-Shirt wesentlich jünger und kaum jemand hätte sie auf fünfundzwanzig geschätzt. Sie nahm ihre Sonnenbrille, die in ihren dunkelblonden, offenen Haaren steckte ab und begann, auf dem Bügel herumzukauen. 

 

 

 

„Du sagst ja gar nichts?“, fragte sie schließlich und sah ihn aus ihren großen, ozeanblauen Augen ungeduldig an. „Sei bitte ehrlich, Jayden. Wenn es dir nicht gefällt, kann ich auch damit leben.“ Es klang selbstbewusst und Jayden bedachte sie mit einem schiefen Lächeln. Er erhöhte die Spannung noch etwas, indem er eine weitere kleine Pause einlegte. Dann meinte er lässig: „Tja, also, wenn du es wirklich wissen willst, … es ist dein bestes Bild ever!“ Jess blieb der Mund offen stehen. 

 

 

 

„Jedenfalls von denen, die ich kenne“, fügte er schmunzelnd hinzu. Er wusste, dass sie noch einige weitere auf dem Speicher liegen hatte, die er noch nie zu Gesicht bekommen hatte und womöglich auch nie sehen würde. Er musste sie unbedingt ermuntern, weiterzumachen. In Jess schlummerte ein unvergleichliches Talent, das er selten so gesehen hatte. Die besondere Leichtigkeit, die in ihren Bildern zum Ausdruck kam, stach einem förmlich ins Auge und ihre Art, die Skyline von Manhattan zu malen, beeindruckte ihn tief.

 

 

 

Jess fiel ihm um den Hals. „Das rührt mich, Jayden! Du weißt, ich möchte immer ehrliche Kritiken und wenn du sagst, dass es gut ist, dann weiß ich, es ist gut!“ Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und atmete tief durch. Die Malerei war zwar nicht ihr Brotjob, aber sie nahm es zumindest genauso ernst. Auch wenn sie gerne mehr Zeit dafür gehabt hätte.

 

 

 

Jayden war die impulsive Szene ein wenig unangenehm, er war trotz seines jungen Alters ein etwas verkrusteter Typ. Vorsichtig blickte er sich um. Außer ihnen war niemand mehr im Kunsthaus. In zwanzig Minuten würden sie ohnehin schließen. Jayden war Galerist und ihm gehörte dieser Ausstellungsraum, in dem er regelmäßig Vernissagen und Künstlertreffen veranstaltete. Er bewohnte mit seiner Frau Abigail das Obergeschoss des Gebäudes, das nicht weit vom Strand und vom Lighthouse, dem Leuchtturm entfernt war, der das Wahrzeichen von Montauk auf der Insel Long Island darstellt.

 

 

 

Jess sah ihn eine Weile mit zurückgekehrter Skepsis an: „Meinst du, dass mein Bild sich verkaufen lässt?“

 

„Keine Sorge, beruhigte er sie mit seinem ausgeprägt schnarrenden Ostküsten-Akzent. „Übernächste Woche findet das Memorial Day Weekend statt, dann beginnt die Saison und du wirst dich vor Interessenten kaum retten können. Die meisten Gäste kommen ja aus der City, da sind die Leute scharf auf so etwas, glaub‘ mir, Süße!“ Jayden machte eine Pause und schürzte die Lippen.  „Was mir aber eher den Kopf zermartert ist, wie ich dich dazu bringe, noch mehr dieser Traumstücke zu produzieren. Ich weiß, dass sie großen Anklang finden würden.“

 

 

 

 

 

Leseprobe zum Buch "Wolkenblüte 3 - Ein Weihnachtsengel zum Knutschen"

Kapitel 1

 

Santa Claus und andere Katastrophen

 

 Elli gähnte hinter vorgehaltener Hand und sah auf ihre Uhr. Es war fünf Minuten vor fünf. Sie ging ins Hinterzimmer und nahm ihre Handtasche sowie die Jacke aus dem Wandschrank. Eilig zog sie sich an. Um siebzehn Uhr hatte sie Dienstschluss. Dann blieben noch drei Stunden, ehe die anderen Geschäfte schlossen. Heute war immerhin schon der sechste Dezember und Elli hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk! Ein Blick aus dem Fenster, das in den Hinterhof des kleinen Ladengeschäfts zeigte, in dem sie arbeitete, ließ sie erkennen, dass es bereits dunkel war. Jenny, ihre Kollegin trank genüsslich den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse und stand auf, um in den Verkaufsraum zu gehen und die nächste Schicht zu übernehmen.

 

 

 

„Ich bin dann mal weg!“ Elli winkte ihr zum Abschied und hing sich ihren lila Shopper über die Schulter. „Wer weiß, vielleicht treffe ich ja heute noch  meinen Santa Claus…“, meinte sie augenzwinkernd und verließ die Rösterei Hugo & Söhne, ein alteingesessenes Familienunternehmen, das der Sohn des Eigentümers bereits in dritter Generation führte. Elli arbeitete gern in dem kleinen Betrieb, der in der Altstadt ansässig war. Das Betriebsklima war angenehm und die Geschäftsräume in den Gewölben des über tausendjährigen Gebäudes, in denen sich das Kaffee- und Feinkostgeschäft befand, hatten ein besonderes Flair. Außerdem besaß Elli die beste Chefin der Welt, die immer ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter hatte. Die beiden Frauen waren sich vom ersten Gespräch an sympathisch gewesen und Elli konnte bald ihre Arbeit in dem Laden aufnehmen gemäß dem Motto: Kaffee sollte nicht nur getrunken, sondern zelebriert werden!

 

 

 

Manchmal überkam sie dennoch eine gewisse Traurigkeit. Elli konnte keine besonders hohe Qualifikation vorweisen. Die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau hatte sie zwar mit eins Komma null abgeschlossen,  doch ihr Leben war absolut kein Ponyhof. Mit vierzehn Jahren wurde sie Vollwaisin, als ihre Eltern bei einem Autounfall in den Pyrenäen während eines Urlaubs ums Leben kamen. Auf regennasser Fahrbahn war ihnen ein Motorradfahrer in einer unübersichtlichen Kurve entgegengekommen. Er schleuderte und prallte mit seiner Maschine frontal in den Kombi ihrer Eltern. Vater und Mutter waren sofort tot. Elli hingegen hatte den Unfall mittelschwer verletzt überlebt. Sie musste einen großen Schutzengel gehabt haben …

 

Frau Hugo, die Geschäftsinhaberin des Kaffee- und Feinkostladens aber war in dieser Hinsicht zumindest ein bisschen wie ein Mutterersatz.

 

 

 

Elli war so in Gedanken versunken, dass sie den vorweihnachtlichen Trubel um sich herum nicht wahrnahm. Ebenso wenig bemerkte sie, dass sie gerade mit dem Fuß auf eine Eisplatte gestiegen war, als sie die Straße zu einem Kaufhaus überqueren wollte. „Mist!“, fluchte sie, als sie es bemerkte, doch es war zu spät. Sie versuchte vergeblich, das Gleichgewicht zu halten, doch es gelang ihr nicht. Sie rutschte aus und fiel hin.

 

Verdammt! Sofort breitete sich ein stechender Schmerz über ihr Hinterteil aus und gleichzeitig guckte sie an zwei Hosenbeinen entlang, die direkt vor ihr standen.

 

 

 

„Ich …, ich. Entschuldigen Sie!“, stotterte Elli und ihre Augen wanderten bis zum Gesicht des Mannes hinauf. Wie peinlich war das denn? Einem Mann direkt vor die Füße zu fallen. Noch dazu einem so gutaussehenden Kerl! Moment, den Typ kannte sie doch! Den hatte sie schon in der Firma ihres Stiefonkels gesehen, als er dort beim Empfang stand. Sein markantes Gesicht war ihr gleich aufgefallen. Sie biss die Zähne zusammen und zog sich an der Hand hoch, die der Mann ihr spontan reichte.

 

„Danke! Alles okay. Alles entspannt. Ich …  habe nur das Eis unter dem Schnee nicht gesehen. Tut mir Leid, wenn ich Sie mit meiner Ungeschicktheit erschreckt habe!“ Etwas Besseres fiel Elli gerade nicht ein. Ach, ihr fiel nie das Richtige ein in derartigen Situationen. Aber was heißt da derartige Situationen? Das war ja wohl unbestritten eine Situation, die ihresgleichen suchte! Also brauchte sie sich nicht wegen falscher Worte zu schämen. Ein paar Passanten waren stehen geblieben. Elli, die zunächst auf dem Hosenboden gelandet war, hatte jedoch nur mitleidige Blicke aus tief vermummten Gesichtern geerntet. Dann setzten die Leute unbeirrt ihren Weg fort. 

 

 

Leseprobe zum Buch „Wolkenblüte 2 – Ein Engel zum Dessert“

Kapitel 1

Ist die Katze aus dem Haus …

Die Enttäuschung stand Ralph ins Gesicht ge­schrieben. „Schade, ich hatte mich so darauf gefreut, dich am Samstagabend ins California Kitchen auszu­führen und anschließend mit dir zur Baseball-Meister­schaftsfeier zu gehen. Ich weiß ja, wie sehr du die amerikanische und kalifornische Küche liebst und da dachte ich …“ Er runzelte die Stirn. „Aber, … da kann man dann ja wohl nichts machen. Dein Job geht vor!“ Er versuchte, seiner Stimme einen gleich­gültigen Klang zu verleihen. Annabelle aber konnte seinen unterdrückten Ärger sehr wohl her­aushören.

Sie versuchte sich zu rechtfertigen. „Sei nicht unfair, Ralph, du weißt, ich kann schließlich nichts dafür, dass Elli krank ist und ich des­halb nach Frankfurt fahren muss!“

Ralph schmollte eine Weile, dann meinte er:  „Kann denn niemand anderer fahren als du?“  Annabelle verzog den Mund zu einem süß­sauren Lächeln.

„Es ist ein Frauensymposium, mein Lieber. Wie sollen sie da einen Mann hinschicken? Außerdem entspricht das … genau meinem Themenbereich.“ Ralph seufzte und sah an ihr vorbei. „Mit einer Journalistin liiert zu sein, ist nicht gerade das Ein­fachste der Welt.“ Annabelle zog eine Grimasse. „Dafür ist es ein abwechslungsreicher Job!“, ver­teidigte sie ihre in der letzten Zeit häufigen Termine außer­halb der Bürozeiten. „Wir holen es nach, wenn ich zurück bin. Es muss ja nicht unbe­dingt die Base­ballfeier sein.“ Sie sah ihn mit glänzenden Augen an.

„Naja, es wäre diesmal etwas Besonderes. Auf der Einladung stand, dass eine bekannte, öster­­reich­ische Band auftreten würde“, kon­statierte Ralph.

„Tut mir leid, dann musst du alleine hin­gehen. Es hört sich ja gerade so an, als würde dein ganzes Glück davon abhängen.“ Annabelle blieb hart.

„Annabelle, es ist nicht das erste Mal, dass wir beide wegen deines Berufs zurückstecken müssen!“, er­widerte er gereizt. „Da dir das aber nicht besonders viel auszumachen scheint, liegt dir wohl nicht mehr viel an mir und allmählich habe ich es auch satt, überall alleine hinzugehen. Außerdem …“

„Du verdrehst die Tatsachen, Ralph“, unterbrach sie ihn heftig. „Aber bitte, wenn du es so hinstellen willst …“

„Sag einfach, dass du nicht magst!“ Auf Ralphs Stirn bildete sich eine Zornesfalte. „Nun ist es aber genug! Mir ist die Lust vergangen, mit dir den heutigen Abend zu verbringen!“ Annabelle ließ ihn auf dem Gehweg stehen und marschierte mit hoch erhobenem Kopf davon.

Ralph schüttelte den Kopf. Er war erst ge­neigt, ihr nachzulaufen, doch dann würde sich in diesem Punkt nie etwas ändern. Störrische Annabelle!, dachte er und sah ihr eine Weile hinterher.

* * * * *

Auch Annabelle stellte sich die Frage, ob sie hätte nachgeben sollen. Doch andernfalls würde Ralph sie und ihren Job nie ernst zu nehmen lernen. Seit knapp zwei Jahren war sie nun mit ihm zusammen und es hatte sofort gefunkt, als sie ihn zum ersten Mal im Base­ball-Stadion gesehen hatte. Er war groß,  hatte kastanienbraunes, leicht gewelltes Haar und eine durchtrainierte Figur. Und er hatte die auf­regendsten ozeanblauen Augen der Welt, die sie aus einem markanten Gesicht mit kräftigem Kinn an­lächelten. Annabelle war vom ersten Augenblick an von seiner welt­männischen,  korrekten Art gefesselt, mit der er ihr gegenüber auftrat. Ralph hatte erst wenige Wochen zuvor seine Arbeit in einem Architek­­turbüro im Westen der Stadt ange­treten.  Er war von München nach Regensburg gezogen, da er bei Schwarzfischer & Co. eine lukrative Stelle ange­boten bekommen hatte. Auch er hatte schnell Ge­fallen an ihr ge­funden. Es war für beide eine Art Liebe auf den ersten Blick. Sie trafen sich einige Male und stellten fest, dass sie viele gleiche Inter­essen hatten. Ralph war ein aufmerksamer Zuhörer. Er zwang ihr nicht seine Meinung auf und ließ ihr alle Freiheiten. Für beide stand bald fest, dass sie zusammen bleiben wollten. Auch Ralph wünschte sich, wie Annabelle, eine Familie und Kinder. Anfangs hatte es ihm sehr imponiert, dass Anna­belle Journalistin bei einer großen Tageszeitung in Regensburg war und las mit Begeisterung abge­druckte Artikel, die sie verfasst hatte. Er be­wund­erte immer wieder ihr Schreibtalent. Doch seit einiger Zeit ärgerte es ihn zu­nehm­end, wenn sie abends noch in der Redaktion vor dem Computer saß und letzte Kor­rek­turen vornahm, damit ein Artikel noch in den Druck konnte und war immer weniger bereit, dies zu akzeptieren. Und heute war dieses Thema eskaliert und noch nie hatten sie sich von­einander getrennt. Annabelle seufzte leise, doch sie war überzeugt, dass es richtig war, nicht nach­gegeben zu haben.

Ihre Schritte wurden langsamer. Sie war fast zu­hause. Annabelle war ein paar Monate, bevor sie Ralph kennenlernte, wieder nach Hause zu ihren Eltern gezogen. Zuvor hatte sie ein knappes halbes Jahr mit Tom in der Studenten-WG gelebt. Tom studierte Lehramt für Geschichte und Deutsch im sechsten Semester. Er war ein netter Kerl, manchmal etwas verträumt, doch zu jedem Spaß aufgelegt. Bis sie ihn an einem Samstagabend mit Sam, einer seiner Kommilitoninnen, in flagranti erwischte. Das war dann kein Spaß mehr, doch er schien dem Vor­fall nicht allzu viel Bedeutung beizumessen, ge­schweige denn ein  übermäßig schlechtes Ge­wissen zu haben. Annabelle setzte noch in der gleichen Nacht einen Schlussstrich unter diese Be­ziehung und kehrte, um eine Erfahrung reicher, in ihr Eltern­haus zurück.

Dann war da noch Melissa, Annabelles drei Jahre jüngere Schwester, die darüber nicht sonderlich begeistert war und auch kein Geheimnis daraus machte. Annabelles Vater hingegen freute sich über die Rückkehr seiner großen Tochter. Zu ihm hatte sie eine besondere Beziehung. Er konnte ihr schon als kleines Mädchen kaum einen Wunsch ab­schlagen. Sie war Daddys Liebling. Annabelles Eltern waren betuchte Leute und bewohnten ein elegantes Haus aus der Jahrhundertwende in einem älteren Villenviertel am Stadtrand. Annabelles Vater war Professor für Psychologie an der Universitäts­klinik in Regensburg, ihre Mutter Maklerin bei einer renommierten Immo­biliengesellschaft. Annabelle betrat das Haus durch den Vorgarten, der mit üppig wachsenden Rosensträuchern bepflanzt war. Tief atmete sie den betörenden Duft ein, während sie die Haustür aufschloss.

Im Treppenhaus traf sie auf Melissa, die mit High Heels, langem Zopf und Minirock be­kleidet,  auf halber Höhe stand und die Stufen hinunter stakste. Eine aufdringliche Parfum­wolke umgab sie.

„Schon da heute?“, vermerkte Melissa grins­end, doch scheinbar ohne weiteres Interesse.

„Hm.“ Annabelle nickte nur und versuchte sich, sich an ihrer Schwester vorbei zu zwängen. Im Moment stand ihr absolut nicht der Sinn nach de­taillierten Erklärungen oder Gesprächen in Bezug auf Ralph. Und schon gar nicht wollte sie mit Melissa darüber reden. Melissa war ein völlig anderer Typ als Annabelle. Sie war eine schwarz­haarige, im Gegensatz zu Annabelle, etwas stäm­mige Frohnatur mit dunklem Teint und nahm alles mit einer Portion Gelassenheit oder Raffinesse. Meistens lief sie gutgelaunt pfeifend durchs Haus. Auch Melissa wohnte noch zuhause. Sie dachte auch nicht daran auszuziehen. Melissa studierte Ernährungswissenschaften im sechsten Semester. Sie beneidete jedoch ihre Schwester um deren Reife und Überlegenheit und manchmal überkam sie ein Gefühl von Eifersucht gegenüber dem Vater, der in ihren Augen Annabelle bevorzugte. Außerdem konnte ihre Schwester essen, was sie wollte und nahm kein Gramm zu, während sich bei Melissa schon das kleinste Stückchen Schokolade als unliebsames Hüftgold zeigte.

 

 

 

 Leseprobe zum Buch "1938-1939 - Kriegstagebuch der 12. Kompanie" 

 

Vorwort

Das vorliegende Buch basiert auf einem Kriegstagebuch von Schütze Max R. aus Marktredwitz, das die Autoren von Bekannten geschenkt bekamen und welches die Erlebnisse der 12. Kompanie des Infanterie-Regiment 41 von März 1938 – Oktober 1939 schildert. Geschrieben aus der Sicht der Kompanieführung und mit Beiträgen unterschiedlicher Mannschaftsdienstgrade. Beschrieben werden die Vorkriegszeit und der Beginn des II. Weltkriegs. Hauptthema ist der Polenfeldzug von 1. Sept. bis 6. Okt. 1939. Die Darstellungen der Zeitzeugen wurden inhaltlich nicht verändert und nur wenn nötig stilistisch verbessert. Es werden also die Meinungen der Soldaten wiedergegeben und nicht die Meinung der Autoren. Es ist in den Passagen die teils sehr euphorische und positive Grundeinstellung dieser Zeit gegenüber dem 3. Reich und deren Kriegspolitik spürbar. Dies änderte sich ab Ende 1941 deutlich, wie in anderen Zeitzeugenberichten nachzulesen ist. Die Autoren haben zum besseren Verständnis und Darstellung des Zeitgeschehens noch geschichtliche Daten und Fakten in eigenen Kapiteln eingefügt.

 K.H. Hartmann / Martina Schmid

 

1. Kapitel

Die 12. Kompanie Infanterie-Regiment 41 von März 1938 bis Oktober 1939

Zeitraum März 1938 bis August 1939

Zeitenwende (eine Zusammenfassung)

von Kompanieführer Leutnant M.  

Es rollt das Rad der Geschichte. Wir Soldaten aber sind allzeit bereit im Glauben an Deutschland.

Es ist in den ersten Märztagen des Jahres 1938. Wieder einmal ist Hochbetrieb bei der Truppe. Der Herr Divisionskommandeur wird der Rekrutenbesichtigung persönlich beiwohnen. In peinlicher Gründlichkeit werden die Vorbereitungen getroffen.

Mitten in  das gewohnte Gleichmaß des Dienstes platzt der Alarmbefehl vom 10. März. Verdunkeln, marschbereit machen! Es gilt, sechs Millionen deutschblütiger Volksgenossen in Österreich von einem artfremden, verräterischen Regime zu befreien und der großdeutschen Volksgemeinschaft einzugliedern. Am 12. März, 11 Uhr überschreiten die 41er bei Passau die Grenze, vorbei an den rot-weiß-roten Schlagbäumen, die als Fahnenmasten aufgestellt, die Hakenkreuzfahne tragen. Unter aufrichtigem Jubel der Bevölkerung geht der Marsch bis vor die Tore Wiens. In sieben Tagen über dreihundert Kilometer.

September 1938: Wieder einmal stehen wir bereit, deutsche Geschichte zu machen. „Gnade Gott den Tschechen, die auf unser Regiment stoßen. Wo die 41er hinhauen, da fliegen die Fetzen!“ Ausdruck harter Entschlossenheit prägt sich auf die Gesichter der Soldaten, als sie diese Worte ihres Regimentskommandeurs vernehmen. Kriegsmäßig ausgerüstet, bereit dem Willen des Führers, wenn nötig mit der Waffe Nachdruck zu verleihen, stehen wir an der tschechischen Grenze. Der tschechischen Willkür Herrschaft und Misswirtschaft über drei Millionen Deutsche des Sudetenlandes muss ein Ende bereitet werden. Dank der genialen Politik des Führers erfolgt auch dieser Einmarsch mit fliegenden Fahnen.

 

16. März 1939: Zum dritten Mal gibt uns der Führer den Marschbefehl. Deutsche Protestschritte in Prag sind zwecklos, die tschechischen Provokationen gegen Deutsche sind unerträglich. Wir werden diesen Unruheherd in Europa zertreten. Im Schneegestöber auf vereister Straße nähern wir uns den feindlichen Bunkerlinien. Unaufhaltsam geht der Vormarsch weiter – doch es fällt kein Schuss. Auch diesmal ist es der hohen staatsmännischen Kunst zuzuschreiben, dass die Rückgliederung der Länder Böhmen und Mähren gelingt, ohne den Frieden zu stören.

 

Und wieder verlassen wir unsere schöne Garnisonstadt. Weit ist der Weg bis nach Ostoberschlesien, wo wir zu Schanzarbeiten an der polnischen Grenze herangezogen werden. Immer klarer kommt es uns zum Bewusstsein, wie nötig es ist, an dieser unsicheren Grenze Wacht zu halten. Spricht doch der schrankenlose polnische Größenwahn schon von der „siegreichen Schlacht von Berlin“. Gespannt verfolgen wir die Entwicklung der polnischen Lage. Polen lehnt nicht nur die deutschen Friedensvorschläge ab, sondern entfacht auch noch Mord und Terror unter den Volksdeutschen in Polen. Die deutsche Stadt Danzig wird durch polnische Abschnürungsmaßnahmen wirtschaftlich zugrunde gerichtet. Deutsche Verkehrsflugzeuge werden von polnischer Flak beschossen. An Danzigs – und Ostpreußens Grenze werden polnische Truppenverbände zusammengezogen. Und immer wieder werden Volksdeutsche in Polen dahin gemordet. Trotz alledem unternimmt der Führer Ende August 1939 einen weiteren Versuch in direkte Verhandlungen mit der polnischen Regierung einzutreten. Neues Entgegenkommen von deutscher Seite, doch der bevollmächtigte polnische Unterhändler bleibt aus. Ganz im Gegenteil: Am 31. August wird an zwei Stellen die deutsche Grenze von polnischen Truppen überschritten. Doch Gewalt wird mit Gewalt vergolten. In den nebelgrauen Morgenstunden des 1. September überschreiten auch wir die deutsch-polnische Grenze bei Neumittelwalde im unaufhaltsamen Vorwärtsdrängen. Für die Lebensrechte unseres Volkes, für Zukunft und Geltung eines größeren Vaterlandes. Es gilt zu siegen, koste es was es wolle!

 

 

 

Leseprobe zum Buch "Wolkenblüte - Ein Engel zum Verlieben"

 

 Prolog

 „Wenn du ein braves Mädchen bist, kommst du später in den Himmel. Wenn du zum Beispiel … immer schön deine Suppe aufisst!“

„Wie sieht es denn im Himmel aus, Mama?“

„Nun ja, dort wohnen der liebe Gott und … und die Engel. Es gibt viele verschiedene Engel und jeder Engel hat einen Namen.“

„Meiner heißt Schutzengel, nicht wahr, Mama?“

„Ja, Liebes. Einen Schutzengel haben wohl alle Menschen, zumindest manchmal.“

„Gut, Mama. Dann werde ich jetzt ganz fix meinen Teller leer essen und hoffen, dass mein Schutzengel mich davor beschützt, noch mehr Suppe essen zu müssen.“

„Das tut er sicher. Er wird immer bei dir sein und dich behüten. Auch vor zu viel Suppe …“

 Die fünfjährige Hannah lachte zurückhaltend und angepasst, den Erwartungen ihrer Mutter entsprechend. Dann sprang sie auf und lief in den Garten, um die Wolken, die sich am Himmel blütenförmig aneinanderreihten, zu verfolgen und hoffte,  es würde ein kleiner Engel irgendwo dazwischen auftauchen. Doch Hannah wartete vergeblich …

 

Kapitel 1

Manchmal währt die Liebe ewig, manchmal nur einen Flügelschlag

Siebenundzwanzig Jahre später:

„Nein!!!“ Hannah fuhr schweißgebadet im Bett hoch. Ihre Hände umklammerten krampfhaft die Bettdecke. Ihr Puls raste und ihr Schrei dröhnte ihr noch in den Ohren. Mit aufgerissenen Augen starrte sie panisch in die Dunkelheit. Allmählich realisierte sie, wo sie war. Ihre schmalen Finger tasteten zur Nachttischlampe und knipsten sie an. Vertrautheit umgab sie. Sie lag wie immer im Schlafzimmer ihrer Zweieinhalbzimmer-Dachterrassenwohnung und das Bett neben ihr war leer. Leer wie jede Nacht. Jede einzelne, verdammte Nacht! Seit Jens vor einem Jahr und elfeinhalb Monaten gegangen war, hatte kein anderer Mann mehr ihre Bettkante berührt. Die Trennung war nervenaufreibend. Hannah hatte seine Bettwäsche seit jenem Tag nicht gewechselt und manchmal meinte sie sogar, noch einen Hauch von Jens’ Geruch zu verspüren, wenn sie ihre Nase tief genug ins Kissen steckte. Eben aber hatte sie  wieder dieser Albtraum geplagt, der sie von Zeit zu Zeit heimsuchte und sie so unbarmherzig hochschrecken ließ. Ein Albtraum, der dennoch schreckliche Realität war und der letztlich zum Zerwürfnis von Hannah und Jens geführt

 

Drei Jahre zuvor an einem verschneiten Samstagnachmittag Ende Januar:

 „So, kleine Prinzessin. Nun noch das Krönchen aufgesetzt, dann sind wir fertig!“  Hannah malte ihrer vierjährigen Nichte Laura ein dickes rotes Herz mit  Faschingskreide auf die Wange und schminkte ihre kleinen Lippen mit rosa Lippenstift. Hannahs Schwester Tessa hatte Hannah gebeten, den Fahrdienst zu übernehmen, da sie ausgerechnet heute eine erkrankte Kollegin aus der Firma vertreten musste und daher nicht abkömmlich war. Laura saß auf einem Stuhl in der Diele und zeigte mit dem Finger auf Hannahs Strickpullover. „Da ist dein Baby drin!“ Hannah nickte lächelnd und strich über ihr schon leicht gewölbtes Bäuchlein. Dann hielt sie ihr mit Blick auf die Armbanduhr die warme Daunenjacke hin. Laura schlüpfte etwas umständlich hinein. Anschließend zog Hannah ihr die Stiefel an. „Wir müssen uns beeilen! In fünfzehn Minuten beginnt Josephines Party.“ Josephine war Lauras Freundin aus der Elefantengruppe des Kindergartens, den die beiden Mädchen besuchten. Josephines Mutter hatte eine Faschingsfeier bei sich zuhause organisiert, zu der auch Laura eingeladen war.

Sie fuhren mit dem Aufzug ins Erdgeschoss des modernen und architektonisch etwas abseits der Norm gestalteten Wohnblocks und stapften die wenigen Meter bis zum Parkplatz vor dem Haus durch den Schnee. Während Hannah ihrer Nichte den Gurt anlegte, fragte das Mädchen: „Wann kommt dein Baby?“ Hannah schob mit der Hand ihre Wollmütze hoch. „Wenn es Sommer ist.“ Laura begnügte sich mit dieser Antwort und biss herzhaft in einen Keks, den sie zuvor aus der Schachtel auf der Kommode stibitzt hatte.

„Freust du dich denn ein kleines bisschen darauf, Laura? Onkel Jens freut sich auch ganz fest!“

„Hm.“ Laura nickte kauend. Hannah setzte sich nun ans Steuer und rangierte aus der Parkbucht. Nach wenigen Minuten verließen sie die Stadt und fuhren auf der Landstraße Richtung Seedorf. Die Schneekristalle auf den Feldern links und rechts der Fahrbahn glitzerten wie kleine Diamanten. Hannah kniff die Augen zusammen, denn die tief stehende Wintersonne blendete sie.

Es passierte in einer Rechtskurve. Hannah hatte die voluminöse Schneewehe nicht  rechtzeitig gesehen, die mit einer Windböe kurz zuvor auf die wenig befahrene Straße geweht worden war. Sie stieß einen Schrei aus und bremste scharf, doch in dem Moment schleuderte ihr BMW bereits und geriet auf die Gegenfahrbahn. Ein entgegenkommender Audi konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Dann ging alles ganz schnell. Es kam zu einem Zusammenstoß. Hannah verlor die Besinnung …

 

Wie durch einen Schleier vernahm sie eine Frauenstimme: „Frau Mertens, hören Sie mich? Frau Mertens!“ Hannahs Kopf war schwer wie Blei. Ein bohrender Schmerz zog sich von hinten nach vorne durch ihren Schädel. Ihre Lider flatterten. Sie versuchte, ein Auge zu öffnen. Verschwommen sah sie eine weiß gekleidete Person vor sich, die offenbar eine dunkel geränderte Brille trug. Hannah gab der Schwerkraft nach und ließ ihr Augenlid zufallen. Wo bin ich? Was ist passiert? Die Fragen reihten sich langsam und mühsam in ihrem Kopf aneinander. Immer wieder, wie in einer Endlosschleife. Doch eigentlich wollte Hannah gar keine Antwort. Zumindest nicht jetzt. Irgendetwas war anders als sonst. Sie war jedenfalls nicht in ihrem Bett zuhause, stellte sie fest. Es roch steril und abgestanden hier. Sie spürte, wie jemand ihre Hand nahm. Das Brillengesicht näherte sich. Gefährlich nahe kam es, erkannte Hannah, als sie für einen Moment beide Augen öffnete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte sie ihren Kopf zur anderen Seite. Von hier strömte Tageslicht in das Zimmer.

 

„Sie haben großes Glück gehabt!“ Hannah blinzelte in das Brillengesicht, das jetzt ebenfalls auf der helleren Seite des Raumes vor einem kleinen Fenster stand. Die Frau im weißen Kittel lächelte mütterlich. Sie war groß und schlank und hatte kurz geschnittenes, graues Haar, das ihr Gesicht gefällig umrahmte.

 „Was ist passiert? Wieso bin ich…?“ Verschwommen kehrten ein paar  Erinnerungsfetzen in ihr Bewusstsein zurück. Sie war mit dem Auto unterwegs gewesen …

 

 

Leseprobe zum Buch "Die schwärzesten Tage. Flucht aus Pommern 1945":

 

Vorwort:

Auch diesen zweiten Zeitzeugenbericht, der die Strapazen und furchtbaren Entbehrungen der Familie meiner Mutter während ihrer Flucht im Frühjahr 1945 von Westpommern/Kolberg, (heutiges Kolobrzeg, Polen) nach Bayern und die erste, ebenso entbehrungsreiche Zeit danach schildert und den mir meine Mutter mit beeindruckendem, minutiösem Erinnerungsvermögen geschildert hat, haben wir sehr behutsam und mit großem Respekt in die vor Ihnen liegende Buchform gebracht. Die Veröffentlichung desselben war Wunsch meiner Mutter. Sie und ihre Schwestern haben das Überleben dieser schwärzesten Tage ihres Lebens dem Mut und der Aufopferungsbereitschaft meiner Großmutter, Dora Seefelder, zu verdanken. Dieses Buch ist das Vermächtnis an eine großartige, tapfere Frau.

Ebenso bedanken wir uns bei meiner Mutter für die Bereitschaft, uns ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen.

 

Martina Schmid/K.H. Hartmann

 

Kapitel 1

....  und so stehe ich denn zum ersten Mal seit über sechzig Jahren im Kur- und Seebad Kolberg* in der Wernerstrasse 3 a, der „Kniewskiego“, wie sie heute heißt, vor unserem früheren  Haus, das heißt, vor dem, was daraus geworden ist: Ein hässlicher, schmutziggrauer Häuserblock mit vier Stockwerken.

Zuerst bin ich den Tränen nahe. Ich möchte weinen, wie lieblos unser einst so schmuckes Haus nach der Zerstörung wieder hoch gezogen worden ist. Doch dann kommt die Erinnerung an unbeschwerte, glückliche Kindertage in einer heilen Welt. Wie wir im Kurpark um den Springbrunnen hüpfen und auf dem Kinderspielplatz tollen, wie wir uns in die sich am Ufer brechenden Wellen der Ostsee stürzen und nach Bernstein suchen. Ich erinnere mich an den gleißenden, weißen Strand, auf dem wir Sandburgen bauen oder in unserem eigenen, längs gestreiften Strandkorb in der Sonne faulenzen.

Die lange Mole ist besonders gut geeignet zum „Fangen“- Spielen. Der alte Leuchtturm im Kolberger Hafen hat mich schon als kleines Mädchen geradezu fasziniert. Und gespannt verfolgen wir das Tuten der vielen Schiffe, die täglich hier an-  oder ablegen. Wo sie wohl alle herkommen und wohin sie fahren, habe ich mich oft gefragt. Am Hafen gibt es immer Interessantes zu beobachten. Gerne und oft schauen wir auch den Ostseefischern zu, die ihren Fang am Strand verkaufen.

Noch sind wir eine glückliche, harmonische und gut situierte Familie. Zusammen mit meinen beiden Schwestern Renate und Gitti bewohnen wir in der Innenstadt von Kolberg, einem großen und bekannten Seebad an der Ostsee, eine helle, elegante Wohnung in einem herrschaftlichen Haus. Ein breiter Treppenaufgang führt zum Eingang, und ich erinnere mich gut an die schöne, große Veranda, auf der wir Kinder oft mit unserem  schwarzen Schäferhund gespielt haben. Die Wohnung ist modern ausgestattet und hat fünf Zimmer. Besonders stolz bin ich auf mein geblümtes Himmelbett, in dem ich wie ein Bär schlafe. Mutti ist immer schick gekleidet und trägt oft Kostüm und Hut. Frau Schörner, eine Freundin von ihr, kommt regelmäßig zu uns zum Kaffeetrinken. Frau Schörner trägt gern eine weiße Rüschchenbluse und ist ebenfalls eine elegante Dame. Ich freue mich immer, wenn sie uns besuchen kommt, denn dann gibt es meist eine leckere Torte.

 

Mutti (Dora), 1905 in Aschaffenburg geboren, ist gelernte Hauswirtschafterin.

Vati (Anton Karl) ist 1902 in Wiesent/Oberpfalz geboren und arbeitet als Ingenieur beim Straßenbauamt. Zunächst in München, wo er später auch meine Mutter kennen lernt. Die beiden heiraten 1932 und betreiben, jung vermählt, in München einige Jahre lang einen Kramerladen mit Lebensmitteln und Haushaltswaren. 1935 wird mein Vater beruflich nach Kolberg versetzt und 1941 erblicke ich als letzte von uns drei Töchtern das Licht der Welt…

Doch nach nur kurzer Zeit ist  bereits alles Kinderglück vorbei. Der Krieg hat auch uns eingeholt. Vati ist als Kriegsbrandmeister nach Hamburg versetzt worden. Er hat viele, zum Teil lebensgefährliche Einsätze dort und muss Menschen aus brennenden Häusern holen. Einmal wird auch er selbst verschüttet und kann nur mit Mühe gerettet werden.

 

Im Februar 1945 jagt nun ein Gerücht das andere, dass der Krieg verloren sei und die Russen vor den Toren Kolbergs stehen. Es heißt, dass es nur noch wenige Tage dauern würde, bis Kolberg vom Feind eingenommen wird. Im Volksempfänger werden die Menschen  in Ostdeutschland zum Verlassen ihrer Häuser aufgerufen.

Mehrmals am Tag heulen die Sirenen, und es wird Fliegeralarm ausgerufen. Schon seit Monaten steht das gepackte Köfferchen griffbereit auf dem Flur und ist schon unzählige Male in den Luftschutzkeller unseres Hauses geschleppt worden. Unwichtiges Zeug ist darin, in  Eile und Panik zusammen gesucht: Muttis schwarzer Pelzmantel, der noch heute als Erinnerungsstück bei mir im Gästezimmer im Schrank hängt. Ebenso eine alte große Muschel aus der Ostsee mit einem Gemälde darin. Etwas Silberbesteck, ein paar wenige Lebensmittel, die wichtigsten Papiere, ein bisschen Geld. Das ist alles. Oft werden wir drei Schwestern mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, wenn die Sirene heult. Mutti zerrt uns dann zusammen mit dem Koffer die Stufen hinunter in den Keller, wo bereits die anderen Hausbewohner ängstlich und ebenfalls nur notdürftig ausgestattet, zusammengedrängt stehen und warten. Mit großer Erleichterung stapfen wir wieder nach oben, wenn das Entwarnungssignal ertönt. Wieder einmal verschont geblieben! Die Nerven liegen blank. So geht das nun schon seit Wochen.

 

 

 

Leseprobe zum Buch "1941-1948. Die sieben längsten Jahre meines Lebens":

 

Vorwort:

Die vorliegende Erzählung beruht auf den Aufzeichnungen eines Großonkels. Die niedergeschriebenen Erinnerungen an die Zeit von 1941 -1948 haben wir beim Entrümpeln alter Sachen im Hause der Großeltern gefunden. Wir waren der Meinung, diese „Erinnerungen“ dürfen nicht verloren gehen und haben sie in die nachfolgende Form gebracht. Es konnten nicht alle Schilderungen und Örtlichkeiten überprüft werden und wurden daher inhaltlich so übernommen wie vorgefunden. Die geschichtlich bekannten Personen wurden wie im Original übernommen, die anderen erwähnten Personen wurden entweder namentlich geändert oder abgekürzt, um keine Persönlichkeits- oder Datenschutzrechte zu verletzen. Wir hoffen, wir konnten den Willen des Verfassers erfüllen, damit die Geschehnisse des 2. Weltkrieges nicht in Vergessenheit geraten und Europa hoffentlich nie wieder einen solchen Krieg erleben muss.

 K.H. Hartmann und Martina Schmid

 

Prolog:

Mein Name ist Gregor Großmann (Name geändert). Ich bin 1922 geboren, war also zu Kriegsbeginn 1939 siebzehn Jahre alt.  Diese Aufzeichnungen habe ich handschriftlich circa zehn Jahre nach Kriegsende gemacht, um an die Zeit des Krieges und die Nachkriegszeit zu erinnern. Da im Laufe der Zeit einiges unleserlich geworden ist, habe ich sie für die nachfolgenden Generationen in den 80er Jahren nochmals auf der Schreibmaschine getippt und teilweise ergänzt.

 

Kapitel 1 „Reichsarbeitsdienst und Vorbereitung auf den Kriegseinsatz“

Im Januar 1941 wurde ich im Alter von achtzehn Jahren zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach Renchen in Baden zur Abteilung K/526 eingezogen. Alle jungen Deutschen, Burschen wie Mädchen, hatten in der damaligen Zeit ein halbes Jahr Reichsarbeitsdienst zu leisten. Nach der rein arbeitstechnischen Ausbildung wurden wir an den Rheinaltwassern bei Kehl zu Entwässerungsarbeiten und zur Beseitigung von Feldbefestigungen im Gebiet des damaligen Westwalles eingesetzt. Diese Arbeiten in den sumpfigen Gebieten waren schwer und nicht gerade gesundheitsfördernd. Meist standen wir im Schlamm. Das Wasser reichte oft über die Knie. Gummistiefel gab es nicht. Eine große Plage waren die Sumpfmücken, die uns sehr zu schaffen machten. Die einzigen Gegenmittel waren Feuer, Rauchen und Moskitonetze. Die letzteren wurden über den Kopf gezogen und am Hals zusammengebunden. Nach getaner Arbeit wurden wir am Abend mit Bussen in das Lager zurückgebracht, das den heimlichen Namen „Friedhofslager“ trug. Der Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung war herzlich. Es gab noch zwei weitere Arbeitsdienstlager in Renchen. Jede Abteilung hatte zudem ihre Stammwirtschaft. Unsere hieß „Zum Stehwagen“. Pro Tag hatten wir die Löhnung von einer halben Reichsmark. Ein Glas Bier kostete genau so viel. Unser Wirt hatte zwei hübsche Töchter. Eine hieß Marie, die wundervoll Klavier spielen konnte. Da ich gerne sang, hatten wir uns schnell angefreundet. Daher gab es für mich und manch anderen Kameraden ab und zu ein Glas ohne Berechnung. Wenn das Maries Vater gewusst hätte!

Etwa ab April 1941 begann eine halbmilitärische Ausbildung. Sie war rein infanteristisch und beinhaltete die Ausbildung am und mit dem Gewehr. Die Waffen waren französische Beutegewehre von überdimensionaler Länge, so dass die Kameraden vom 4. Zug ihre liebe Not damit hatten. Im 4. Zug waren immer die Kleinsten. Da die Zeit beim Reichs­arbeitsdienst ein halbes Jahr dauerte hofften wir, bald entlassen zu werden. Etwa acht Tage vor Beginn des Ostfeldzuges wurde erhöhte Alarmbereitschaft ausgegeben. Alle waren zu einem Abmarsch bereit, doch niemand wusste, was in der Luft lag. Die letzten Tage waren mit die schönsten in Renchen. Wir hatten jeden Tag Ausgang, durften uns aber aus dem Ortsbereich nicht entfernen. Jeden Abend wurde mit der einheimischen Bevölkerung Abschied gefeiert, wobei dem dortigen Volksgetränk, dem Most, reichlich zugesprochen wurde. Mit den Mädchen des Ortes hatte sich die eine oder andere Freundschaft ergeben, daher kam jetzt so manche traurige Abschiedsstimmung auf.

 

Dann war es eines Tages so weit. Mit Sang und Klang, Blumen und Begeisterung und unter den Tränen der Mädchen, ging der Marsch durch das blumengeschmückte Städtchen zum Bahnhof. Dort stand schon der Güterzug. Immer vierzig Mann bekamen einen Waggon, nur mit Stroh, zugewiesen. Mittlerweile waren auch die beiden Nachbarabteilungen eingetroffen. Die Arbeitsgruppe, rund sechshundert Mann stark, war nun für einen Einsatz bereit. Allerdings ahnte noch niemand von uns,  wohin es ging. Gegen Mittag endlich setzte sich der Zug durch das in voller Blüte stehende Rheintal in Richtung Norden in Bewegung. Es ging nun durch ganz Westdeutschland. Ich erinnere mich an eine schöne Fahrt. In Magdeburg wurden uns einige Waggons mit Fahrrädern angehängt. So wurden wir zu einer schnellen Abteilung des Reichsarbeitsdienstes.

Das Rattern des Zuges begleitete uns nun für etwa fünf Tage. Es weckte uns am Morgen und schlummerte uns des Abends ein. Es ging nun immer weiter nach Osten. Über Breslau, das oberschlesische Industriegebiet, Oppeln-Hindenburg, usw. … Eines Tages rollten wir über die polnische Grenze nach Krakau, Tarnow, Jaroslau, Rawa-Ruska nach Zamosc. Dort wurden wir nahe der damaligen deutsch-russischen Demarkationslinie entladen, da die Russen weite Teile Ostpolens 1939 besetzt hatten. Wenngleich ein solcher  Militärtransport oft auch schöne Stunden brachte, so waren wir dennoch froh, die Waggons nach etwa fünf Tagen verlassen zu können. Wenn ich mich heute, nach rund zehn Jahren recht entsinne, fuhren wir am Spätnachmittag mit unseren Stahlrössern gut dreißig Kilometer in nordöstliche Richtung in ein Waldlager. Auf dieser Fahrt machten wir die erste Bekanntschaft mit den Straßen des Ostens. Vielleicht war es ganz gut, dass zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnte, was uns in dieser Beziehung noch erwarten würde. Jedenfalls glaubten wir, einiges geleistet zu haben. Als wir an unserem Ziel ankamen, waren wir froh, unsere Glieder etwas ausstrecken zu können in unserer neuen OU (Ortsunterkunft), wie sie von nun an hieß. Diese Bezeichnung stand von nun an, neben Datum und Feldpostnummer,  jahrelang als Angabe unseres Standortes auf den Briefen in die Heimat. Die Lieben zuhause konnten so also nur Vermutungen anstellen und nach ihren Angehörigen irgendwo ostwärts der Weichsel suchen.

Dass etwas Großes in der Luft hing, ahnten wir nur. Die Spannung wurde unerträglich. Jeder sehnte den Zeitpunkt herbei, dass es losgehen würde. In späteren Jahren aber hatten wir das Warten gelernt.

So vergingen Tage mit Appellen und letzten Vorbereitungen. Es wurde immer für Bewegung gesorgt. Auch unser „Sturmgepäck“ wurde zusammengestellt und die Ausrüstung beinhaltete in etwa folgendes: Stahlhelm, erdfarbene Uniform, Gasmaske, Brotbeutel, Feldflasche, Spaten und Gewehr. Auf dem Gepäckträger des Fahrrades befanden sich in einer Zeltplane die Wäschegarnitur und das Waschzeug. Obenauf wurde das Kochgeschirr festgeschnallt. So verging der einundzwanzigste Juni 1941. In der folgenden Nacht fiel die Entscheidung…

 

 

Leseprobe zum Buch "Herrschaftszeiten!":

 

Prolog

25. April 1989
Kurz nach Mitternacht am Ortsrand von Wörth
»Verflucht! Der rührt sich nimmer.«
»Geh weider, der tut doch bloß so.«
»Naa, der is hi. Der tut nix mehr, der schnauft nimmer.«
»Verdammt und zuag’naht. Du hast recht.«
»Und jetzt? – Was mach ma’n jetzt?«
»Na, was schon. Der muaß weg. Weg muaß er. Und
zwar ganz schnell.«
»Du spinnst doch.«
»Halt dein dumm’s Maul und pack mit an.«
»Mann, ich mach mir gleich in die Hos’n.«
»Schisser. Da geh her. Bist du eigentlich a Mannsbild
oder was?«
»Is ja gut, ich helf dir ja schon. Und wohin mit ihm?«
»Rüber, dorthin, ins Gebüsch. Schnell, schnell, bevor
noch wer kommt.«

Herr, vergib ihnen,
denn sie wissen nicht, was sie tun.
Lukas 23,34

 

Kapitel 1
Zweiundzwanzig Jahre später – am 24. April 2011 in Wörth

Ich atme durch. Sauge die frische, schneidige Luft tief in
mich hinein.
Da bin ich also. Angekommen in der Heimat. Noch
einmal atme ich ein. Wie gut die Luft hier doch ist. Ich
spüre, wie die Vergangenheit im Sekundentakt allmählich
von mir abfällt. Wie eine zentnerschwere Last. Nein,
keiner hat mich zu diesem Schritt gezwungen. Nein, ich
habe es selbst so gewollt, auch wenn mir mein Gewissen
das Gegenteil einreden will. Nein, nicht die anderen
sind schuld. Nein und nochmals nein. Ich stampfe mit
dem Fuß auf. Schluss, aus, amen. Reiß dich zusammen,
Sofie. Weg mit diesen elenden Gedanken, die in meinen
Gehirnwindungen Achterbahn fahren. Mir wird direkt
schlecht. Schlecht von so viel schlechten Gedanken, und
vor lauter Denken hab ich überhaupt nicht gemerkt, dass
ich längst den Bahnhof verlassen hab. Erst als ich mich aus
irgendeinem Grund umdrehe, kann ich auf dem hinter mir
liegenden Bahnhofsgebäude das Schild noch erkennen. Ich
zwick die Augen zusammen. Meine Sehschärfe war auch
schon mal besser. Jetzt wird die Schrift deutlicher.
»Wörth …«, formt es sich langsam und flüsternd aus
meinem trockenen Mund. Eine beruhigende, beinahe unschuldig
wirkende Stille liegt über dem Ort. Schmeichelnd
gleiten ein paar Strahlen der Frühjahrssonne zwischen den
dunklen Aprilwolken hindurch über die Wipfel der Bäume.
Noch ahne ich nicht, welch grauenvolles Geheimnis er
birgt.
Ich richte meinen Blick wieder nach vorn. Ich habe
Durst. Meine Schritte werden schneller. Kalter Wind
peitscht mir ins Gesicht. Will sich der Winter noch einmal
aufbäumen? Ich knöpfe meine Jacke bis oben hin zu und
werfe einen Blick auf meine Uhr.
»Jesus, fast halb zwölf.« Die Maria wird bestimmt schon
warten. Egal, dann muss sie eben warten. Jedenfalls bin ich
wieder in meinem Oberpfälzer Heimatort. Er ist ja sogar
zur Stadt erhoben worden. Wann? Irgendwann. Weiß ich
nicht genau. Aber müsst ich nicht darauf stolz sein? So,
wie viele Leute damals auch mordsstolz darauf waren? Mir
jedenfalls kommt er genauso spießig und von altbackener
Kleinbürgerlichkeit vor wie vor zwanzig Jahren – und er
ist trotz Brimborium und Mordstrara ein Dorf geblieben.
Mein Dorf.
Dorf hin oder her – jedenfalls ist es mein Heimatort, in
dem ich aufgewachsen bin und von dem ich schon vor
Jahren weggegangen bin. Wegen des Berufs. Und wegen
der Liebe. Hab sie geheiratet, die große Liebe, und mich
dann drei Jahre später wieder scheiden lassen. Und der
Karl, mein Bruder, der ist auch schon lang weg von hier.
War ja auch kein Wunder. Wir haben’s einfach nicht mehr
ausgehalten mit dem Vater, nachdem die Mama gestorben
war. Er hat ihren Tod nie überwinden können, der Papa.
Hat mit dem Trinken und Spielen angefangen. Bis alles
weg war. Das Geld, mein ich.
Ich weiß nicht, wie’s ihm jetzt geht. Ich weiß auch nicht,
wo er wohnt. Hab ihn ja seit zig Jahren nicht gesehen.
Vielleicht lebt er ja inzwischen auch gar nicht mehr. Wer
weiß. Ich seufze. Damals, ja, da sind wir beide, also der
Karl und ich, ziemlich zeitgleich weg. Gut. Vielleicht hätten
wir den Vater nicht allein lassen sollen. Aber wir sind
gegangen. Haben den Kontakt zu ihm von einem Tag auf
den anderen abgebrochen. Vielleicht hat es aber auch so
kommen müssen. Vielleicht bin ich auch deshalb so lang
nicht nach Wörth zurückgekommen.
Jetzt aber bin ich wieder hier und hab inzwischen die Bahnhofstraße
verlassen. Ich kraxle auf eine Anhöhe und schau
hinunter ins Tal. Ein Anflug von Wehmut überkommt
mich. Alles hab ich zurückgelassen: meine gut bezahlte
Arbeit als Sekretärin in einem Münchner Großkonzern.
Mein Leben in Saus und Braus. Ertragen hab ich’s nimmer,
den Glitzerschein der Großstadt, die vielen Menschen. Weg
wollt ich. Weg. Mir ist aber auch klar, dass es nicht einfach
sein wird, mit meinen vierundvierzigeinhalb Jahren noch
einmal neu anzufangen. Bin ich vielleicht auch schon ein
Opfer der Midlife-Crisis geworden? Ich weiß es nicht.
Doch jetzt besuch ich erst einmal die Maria. Ja, die Maria.
Meine Freundin aus Kindertagen. Die wird sich sicher
auch närrisch freuen, wenn wir uns nach all den Jahren
wieder sehen. Ich klettere den Abhang hinunter und setze
meinen Weg in Richtung Dorfmitte fort. Lang muss ich
nicht gehen. Und gefunden hab ich’s auch gleich, ihr Haus
und die steile Trepp’n, die rauf führt zum Gartentürl. Dem
Anschein nach hat sich nicht viel verändert seit damals. Und
das Haus kenn ich ja sowieso noch von früher – in- und
auswendig – wie meine Westentasche. Nur die Obstbäume
im Garten, die sind höher geworden. Man kann jetzt von
außen fast nicht mehr reinschauen. Ich hab Herzklopfen,
während ich bewusst langsam die abgetretenen Stufen hinaufsteig.
Fünfzehn sind’s. Das weiß ich noch. Ein Lächeln
huscht über mein Gesicht. Ja, »Busenfreundinnen« waren
wir. So hat man damals dazu gesagt. Oder heißt es heute
noch so? Wurscht. Ich überleg unterdessen, wie lange ich
schon nicht mehr hier war. Eine halbe Ewigkeit ist’s schon
her. Neben der Eingangstür steckt ein kitschiges Keramikschild
in einem mit Beton ausgegossenen Blumentopf, das
mich »Herzlich willkommen« heißt. Die Maria öffnet auf
mein Klingeln hin die Tür, und wir umarmen uns lange
und stürmisch. Unsere Augen werden feucht.
»Schön, dass du gekommen bist, ich hab schon auf dich
gewartet.« Die Maria schluckt und wischt sich eine Träne
aus dem Augenwinkel.
Die Luft ist noch immer frisch, aber die Sonne drückt
sich schon durch die Wolken. Es ist ja schließlich auch erst
April. Die Maria hat trotzdem schon die Gartenmöbel
vorm Haus aufgestellt und mir eine Decke gebracht, für
drunter. Ich seufze und setz mich. In der Ferne hör ich
eine Krähe kreischen und ein paar Vögel zwitschern.
’s Leben ist wieder erwacht, denk ich mir, während ich
mit dem Löffel den Kaffee umrühr, den mir die Maria
gerade mit einem Lächeln hingestellt hat. Es ist noch immer
das gleiche schelmische Lächeln auf ihrem Gesicht. Wie
früher. Nur nicht mehr so frisch. Viel hat sie sich aber nicht
verändert. Ein bisserl stärker ist sie vielleicht rundherum
geworden.
Eine Biene surrt von hinten heran und lässt sich auf dem
Rand meiner Tasse nieder. Ich mach gar nix. Schau ihr nur
zu. Ein Gefühl der Ruhe durchflutet mich. Die beiden
Golden Retriever von Maria liegen auf dem betonierten
Boden in der Nähe des Hauseingangs. Sie genießen die
wärmenden Sonnenstrahlen. Nur ab und zu blinzelt einer
zu mir herüber. Während die Maria wieder ins Haus geht
und ihren selbst gebackenen Apfelkuchen holt, schau ich
mich um. Es hat sich nicht viel verändert, seit ich das letzte
Mal bei ihr war.
Mein Blick haftet an den gehäkelten, vergilbten Scheibengardinen
am Küchenfenster, das von hässlichen grau-grünen
Eternitplatten umgeben ist. Das ganze Haus ist mit solchen
Platten umbaut. Hinter mir im Garten befindet sich ein
steiler Hang, der von einer mächtigen Betonmauer gehalten
wird. Oberhalb stehen Tannenbäume. Dahinter beginnt der
Wald. Wenn der Wind durch die Bäume rauscht, erinnert
mich das immer an das Heranfahren eines Zuges. Es klingt
nur angenehmer. Auch drei patinierte Engelsfiguren aus
Sandstein und etwa ein Dutzend in die Jahre gekommene
Gartenzwerge haben ihren Platz im Garten.
Jetzt kommt sie wieder aus dem Haus, die Maria. In der
einen Hand hält sie den Kuchen, in der anderen ihre Zigarette.
Wie früher: immer einen Glimmstängel in der Hand.
Die wird auch nicht mehr g’scheiter. Sie schaut prüfend zum
Himmel.
»’s wird schon herhalt’n«, meint sie augenzwinkernd und
schneidet mir ein Stück vom Kuchen ab.
Ich schlag mir die Decke über die Knie und freu mich
auf den Kuchen. Ja, spurlos sind die Jahre an ihr auch
nicht vorübergegangen. Ihr Blick ist strenger geworden,
die Stirnfalte tiefer. Sie schaut leicht bedrückt drein. Als
ich mich nach ihrem Befinden erkundige, macht sie eine
wegwerfende Handbewegung, und bald darauf werd ich in
eine Geschichte verwickelt, die ich nie zuvor für möglich
gehalten hätte …

Alle Dinge sind möglich
dem, der da glaubt.
Markus 9,23

2
Der Wind ist inzwischen wärmer geworden. Angenehm
berührt er mich. Fährt mir wie eine sanfte Hand durchs
Haar.
Ein Gefühl der Freiheit beschleicht mich. Ich atme tief
ein. Die Luft in meiner Nase duftet nach Blütenstaub. Ich
muss niesen. Ich genieße die ländliche Idylle, die mir sehr
gefehlt hat während der letzten Jahre in der Großstadt.
Die Maria erzählt mir, wie sie ihren Mann, den Georg,
kennengelernt hat. Lang hat er sich um sie bemühen müssen,
ehe sie seinem Drängen nachgegeben hat. »Zuerst wollt ich
ihn ja nicht. Aber der Charmeur, der alte, hat’s dann doch
geschafft, mich rumzukriegen.« Sie kichert, und ich seh,
dass ihr oben links ein Zahn fehlt. Sie verzieht den Mund.
»Na ja, dann hab ich mir halt gedacht, warum nicht? Er hat
einen anständigen Beruf als Vorarbeiter, und wie dann sein
Vater am Schlag gstorbn war und er das Haus geerbt hat …«
»Ich versteh dich schon, Maria«, nicke ich wissend. Mehr
muss und will ich auch nicht wissen.
Plötzlich erschreck ich, weil über mir etwas raschelt.
Ich dreh mich blitzschnell um und schau hinauf: Wilder
Wein wächst an der Mauer, über der ich die Geräusche
vernommen hab.
Da. Zwei gelbe, stechende Augen sehen mich von dort
oben gebannt an. Sie gehören zu einem dreieckigen nachtschwarzen
Katzengesicht. Erleichtert presse ich meinen vor
Schreck angehaltenen Atem mit einem Stoß durch den
Mund hinaus.
Im Haus klingelt das Telefon. Die Maria steht auf, geht
hinein. Ihre Zigarette klemmt sie derweil in den Aschenbecher.
Der Rauch zieht in blaugrauen Fäden an mir vorbei.
Zwischen den windschiefen Waschbetonplatten rund ums
Haus drückt schon das Unkraut durch. Ich möcht am liebsten
aufstehen und es ausreißen. Das hab ich noch nie leiden
können, wenn irgendwo ein Unkraut durchkommt. Links
hinten in einer Ecke des Gartens steht ein Vogelhäuschen
auf drei hölzernen Beinen. Daneben haben sie schätzungsweise
fünf Ster Holz gelagert. Da kann der nächste Winter
kommen. Der letzte war ja auch ein harter, wenn auch ein
relativ kurzer. Die Maria hat schon geschimpft und sich
beschwert, weil keiner von der Gemeinde fürs Räumen
der Stiegen vor ihrem Grundstück zuständig war.
Nach gefühlten fünf Minuten erscheint sie wieder in der
Haustür. Unterm rechten Arm trägt sie einen Wäscheständer,
unter dem linken einen blauen Plastikkorb.
»Hoffentlich stört’s dich nicht«, meint sie und deutet auf
den Korb, der randvoll mit Wäsche ist. Nachdem sie ihn
am Boden abgestellt hat, breitet sie den Ständer aus. Meine
Augen verfolgen ihre flinken Hände, mit denen sie ein
Wäschestück nach dem anderen aufhängt. Ihre gleichmäßigen
Bewegungen lassen mich in eine Art Starre verfallen.
Den Geruch des Waschmittels kenne ich. Komm nur nicht
drauf, woher.
Als die gesamte Wäsche hängt, setzt sie sich neben mich.
Eine Mischung aus Fliederstrauch- und Waschmittelduft
hat sich mittlerweile in meiner Nase verbunden, und ich
bewundere den üppigen Busch, den ich hinterm Haus
entdeckt habe.
Die Maria erzählt mir nun ausführlich, was in den letzten
Jahren so alles bei ihr passiert ist.
»Ja, Kinder wollt er auch immer, der Georg.« Sie nimmt
einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Ihre Finger zittern.
Aber das ist normal. Bei Rauchern zittern die Finger immer.
Unauffällig blicke ich zum Vergleich auf meine Finger.
Meine zittern nicht so stark. Sie bläst den Rauch in den
wolkenverhangenen Himmel.
»Impotent?«, platzt es unverhofft aus mir heraus, und im
selben Moment bereu ich meine unverschämte Neugier
schon wieder. Sie schüttelt den Kopf, sagt nichts. Da wird’s
mir klar, sie kann wohl keine Kinder bekommen.
»Ach so …«, entgegne ich daraufhin etwas beschämt.
Die Maria schaut mich mit einem mitleiderregenden
Pudelblick an. Peinlich berührt weiche ich ihm aus. In
diesem Moment tut sie mir aufrichtig leid. Sie sieht mich
dennoch fragend an.
»Ich wollt nie Kinder«, antworte ich hastig auf ihre unausgesprochene
Frage. »Und wo ist er jetzt? Ich meine,
dein Mann?«, versuche ich abzulenken.
Sie kneift die Augen zusammen und nimmt einen letzten,
langen Zug. Dann dreht sie die Kippe in den Ascher.
Sie zuckt mit den Schultern, und ich spüre ihre unterdrückte
Wut.
»Meiner hat mich betrogen«, füge ich nach einer Weile
hinzu, um das Schweigen zu beenden. »Mit seiner Sekretärin.
Es ging über ein halbes Jahr. Er hat quasi ein Doppelleben
geführt, und ich Rindviech hab’s nicht gemerkt.«
Mein Tonfall ist streng, doch ich merke, dass es mich nicht
mehr wirklich berührt. Es ist zu lang her. Gott sei Dank.
Viel zu schnell ist es nun Abend geworden, und die Maria
nimmt ein paar Socken und Unterhosen, die schon trocken
sind, wieder von der Leine.
Bevor wir hineingehen, sehe ich zum ersten Mal in diesem
Jahr einen Mückenschwarm. Ausgelassen tanzt er überm
Dachsims. Es bleibt einem nun nicht mehr verborgen, dass
die Natur allmählich wieder erwacht. Ich zieh meine Schuhe
aus und stell sie in den Hausgang.

Zur selben Zeit anderswo im Dorf

Plätschernd schlängelt sich der Bach durch den Ort. Mal breiter,
mal schmaler. Sich seiner Umgebung stets anpassend. Die Vögel
pfeifen sonor ihre Lieder. Jeder ein anderes. Jedes auf seine Art
perfekt und passend zur abendlichen Frühlingsstimmung.
Ein Schnauferl quält sich dröhnend durch den Innerort. Beladen
mit einem gewichtigen Fahrer. Die große österliche Krone, von den
fleißigen Helferinnen des Frauenbundes liebevoll zusammengebunden
und mit Blumen geschmückt, steht noch auf dem Marktplatz,